»Shopify Pursuit Amsterdam 2020«

Hätte Tante Emma das gewusst…

Mein Opa hat mir erzählt, dass er sich noch gut daran erinnert, wie die ersten Supermärkte eröffneten. Dort konnten Kunden nicht nur wie auf dem wöchentlich stattfindenden Obst- und Gemüsemarkt die Ware kurz mal anfassen, um ihre Qualität zu prüfen, sondern – und das war damals spektakulär! - selbst aus den Regalen nehmen und zur Kasse tragen. Begeistert von diesem neuen supertollen Supermarkt waren zunächst junge Leute, weil einkaufen immer leichter, vielfältiger und unterhaltsamer wurde. Jetzt musste man ja nicht mehr in der Schlange stehen, bis man dem Verkäufer sagen konnte, was man kaufen wollte. Eine Einkaufsliste schrieb man damals, damit man nichts vergaß. Seit es Supermärkte gibt, braucht man sie, damit man nicht zu viel einkauft, denn die riesige Auswahl, durch die man in großen Hallen schlendern kann, verführt zum Einpacken. Kritisch gegenüber dem in ihren Augen gar nicht supertollen Supermarkt, so mein Opa, waren die älteren Leute, die sich überfordert fühlten und glaubten, dass so offen präsentierte Ware nicht Kunden, sondern vor allem Diebe anlocken würde.

Vor zwei Jahren habe ich an der bislang letzten Shopify Konferenz teilgenommen, die vom 19. bis 20. Februar 2020 in Amsterdam stattfand. Shopify ist kein Produkt. Shopify ist auch keine Verkaufsstrategie und viel mehr als eine tolle Geschäftsidee, dank der man online Shops unterstützt und vernetzt. Es geht, und das sollte in den beiden Tagen in Amsterdam deutlich werden, um den „step to the next level“. Mit anderen Worten: als ich den mit 250 Teilnehmern gut besuchten Veranstaltungsort betrat, musste ich spontan an meinen Opa und Tante Emma denken. Jeder von uns hat bei diesem Namen eine freundlich dreinblickende Dame vor Augen, die in ihrem kleinen Laden ihre Kunden bedient, die schon seit Jahren nur bei ihr einkaufen. Wo denn sonst? Das hat die Supermarktrevolution, die mein Opa erlebt hat, radikal geändert. Die liebe Tante musste sich einen neuen Job suchen. Freilich ist Onkel Bernd, der beim Discounter an der Kasse saß, auch schon auf dem Arbeitsamt gewesen.

Über den neuen supertollen Supermarkt „Onlinehandel“ sprach ich mit einem der drei ukrainischen Teilnehmer - Sergey, solltest Du diese Zeilen lesen, die ich aus Solidarität mit der Ukraine unterbreche, sende ich Dir und Deinen Kollegen einen herzlichen Gruß in die Heimat, verbunden mit der Hoffnung, dass wir uns bald gesund wiedersehen (In Amsterdam konnten wir nicht ahnen, wie zuerst Corona und dann der Krieg unsere Welt verändern!). Ich sagte meinem ukrainischen Kollegen, dass ich den Eindruck habe, hier bei Shopify wimmle es von Emmas und Bernds. Das war kein Witz über den Altersdurchschnitt, der bei einem Seniorentreffen ehemaliger Aldi Mitarbeiter passend sein könnte, sondern die Erkenntnis: „Wir machen’s genau richtig!“ Wir Emmas und Bernds gehen nicht enttäuscht frühzeitig in Pension, sondern wir sind aktiv Teil der neuen „Supermarktrevolution“. Wir sind keine Opfer, sondern Täter: Macher, Entwickler, Geschäftsführer, die keine Läden schließen, sondern Onlineshops eröffnen. Das Internet überflutet uns? Wir gehen nicht unter wie die Emmas und Bernds von damals. Wir surfen auf der Welle des World Wide Web.

Die Begeisterung auf der Amsterdamer »Shopify Pursuit 2020« Konferenz war regelrecht mit Händen greifbar. Shopify’s CTO Jean-Michel Lemieux präsentierte passend dazu beeindruckende Zahlen zum weltweiten Wachstum des Unternehmens, das beispielsweise in den Niederlanden bereits von 20 % der Bevölkerung genutzt wird.

Trotz des Optimismus rundherum kamen natürlich auch Ängste, Zweifel, Adaptionsschwierigkeiten und nicht zuletzt die vielen Momente des Scheiterns und Neuanfanges zur Sprache, die im Grunde schon mein Opa und seine Generation erlebten, als Tante Emma ihren Laden schloss und Onkel Bernd sich an die Kasse eines Megastores setzte. Insbesondere die Präsentation des eigenen Produkts oder der Dienstleistung in diversen Sprachen, sowie an unterschiedliche Bedürfnisse angepasst, ist ein Problem, das viele teilen. Hinzu kommen Fragen nach der Umsetzung von Multiwährungen und der Lokalisierung von Shops, die als Schwierigkeiten empfunden werden und bei vielen Momente der Frustration provozieren.

Zu dem oft vorgetragenen Slogan „Marketing, Marketing, Marketing“ sei die Lösung fast aller Probleme, wenn es um das Internetgeschäft gehe, möchte ich an dieser Stelle ergänzend anmerken, gute Werbung gibt es nur für gute Produkte oder Dienstleistungen. Wir erleben es viel zu oft, dass billig produzierte Anwendungen nicht halten, was ihre viel aufwendiger gestaltete Werbung verspricht. Solche Marktstrategien sind kurzatmig. Das Rennen gewinnen hochwertige, klug durchdachte und vielseitig erprobte Produkte und Dienstleistungen, die regelmäßig verbessert werden. Auch diese Angebote brauchen kompetentes Marketing, um sie bekannt zu machen. Sind sie wirklich gut, werden es die Kunden sein, die für einen Großteil des zielorientierten Marketings sorgen. Freilich ist dieses Rennen ein Marathon, für den man einen langen Atem braucht.

„Welcome to the next Level“

Wir vergleichen und kaufen Produkte immer öfter im Internet und genießen die Vorteile einer Onlinebestellung von Zuhause. Wir wissen um den Konkurrenzkampf, der nun nicht mehr nur zwischen Geschäften einer Stadt, sondern mit chinesischen und schwedischen Anbietern geführt wird. Shopify ist nicht nur Antwort auf die Herausforderungen dieses globalen Marktes, der sich räumlich weiter ausdehnt und im Hinblick auf Angebot und Anbieter immer facettenreicher und komplexer wird, sondern – zum Glück! - selbst aktiver Spielmacher.

Das und vieles mehr war Thema auf der »Shopify Pursuit Amsterdam 2020«, auf der es zwei große parallellaufende Workshops, viele Vorträge und Talks gab, vor allem aber tolle Begegnungen mit kompetenten Experten, erfahrenen Geschäftsleuten, Computerprofis und hoch motivierten Neulingen im Onlinehandel. Ein Großteil der Arbeit drehte sich um die verschiedensten Möglichkeiten des Shopify App-Bundlings. Praxis und Theorie wechselten sich ab. Trotz des nasskalten Wetters herrschte nicht Begräbnis-, sondern Aufbruchsstimmung. Es ging eben nicht um den traurigen Abschied von alten Geschäftsmodellen oder das resignierte Eingeständnis der Überforderung durch den Internethandel. Wir begreifen den Handel online als Chance. Amsterdam, das betonte das kanadische Team immer wieder, dem für die kompetente Leitung des Treffens ganz herzlich zu danken ist, sollte kein akademisches Forum, sondern eine Plattform für persönliche Begegnungen werden. Meinen Kontakt zu PayPal, der für meine Arbeit eine damals noch ungeahnte Bedeutung bekommen hat, ist in Amsterdam entstanden. Vielen Dank! Ich habe neue und alte Freunde getroffen und neue Ideen für alte Probleme kennengelernt, wie etwa das Projekt von uAfrica, dass in Afrika ein Bezahlwerk aufbaut, das über SMS funktioniert und daher auf Strom verzichten kann. Großartig! Shopify ist eine zukunftsorientierte Ideenbörse und ein optimistischer Markt der Möglichkeiten.

Mir ist klar geworden: Wir sind Emma-und-Bernd 3.0.

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